die Enercon GmbH

Wir sind bei der Enercon GmbH in Aurich in Ostfriesland. Im April hatte Plusminus berichtet: Der weltgrößte Hersteller von Windenergieanlagen hat eine neue Technik entwickelt, mit der Strom aus Wind viel preiswerter erzeugt werden kann, als bei der Konkurrenz. Der US-Geheimdienst NSA hatte das nach Auskunft unseres Informanten ausspioniert und an eine amerikanische Konkurrenzfirma weiterverkauft. Die behauptete dann, die Technik sei von ihr erfunden worden und untersagte Enercon per Gerichtsbeschluß, ihre Anlagen in die USA zu exportieren. Der Betrieb erlitt Umsatzeinbußen von über 100 Millionen Mark. Ohne den Datenklau hätte Enercon 300 neue Arbeitsplätze schaffen können.

Unser Bericht hatte Folgen: Hier im Enercon-Forschungslabor werden Schaltbilder für die Elektronik der neuen Anlagen am Computer gezeichet und getestet. Die werden in den einige Kilometer entfernten Produktionsbetrieb weitergeleitet. Bisher über Datenleitungen der Telekom. Die hatte der US-Geheimdienst angezapft.

Stefan Knottnerus-Meyer (Enercon GmbH): "Wir sind durch Ihre letzte Sendung natürlich extrem sensibilisiert worden für diesen gesamten Sicherheitsbereich. Wir haben unsere Telekommunikationsleitungen neu überarbeitet. Gerade heute haben wir noch eine neue Leitung gelegt, um nicht mehr auf die Telekommunikationsleitungen der Telekom angewiesen zu sein, also auf den öffentlichen Bereich. Zusätzlich achten wir auf die Datensicherheit bei uns. Wir schauen, welche Mitarbeiter Zugriff haben auf sensible Daten und darauf, daß nach außen nicht bekannt wird, wer diese Mitarbeiter sind."

Das Enercon-Rechenzentrum ist immer abgeschlossen. Damit aber auch dem US-Geheimdienst und der Konkurrenz der Zugang erschwert wird, werden die Computer und Telefone der Enercon-Betriebe jetzt mit sicheren eigenen Kabeln verbunden. Bei der Kommunikation mit Zulieferern und Kunden ist die Firma dagegen weiterhin auf die Telekom angewiesen auch wenn hier einige interne Telekom-Leitungen abgeklemmt werden.

Und die Telekom leitet Telefongespräche, Fax-Sendungen und elektronische Korrespondenz per Internet oft über solche Richtfunkantennen weiter.

Die Daten strahlen bis in den Weltraum ab. Dort werden sie von amerikanische Spionagesatelliten aufgefangen und zur Bodenstation im bayerischen Bad Aibling gesendet, wo die Deutschland-Zentrale des US-Geheimdienstes NSA sitzt. Hier werden Neuentwicklungen und Patente auch von deutschen Industriebetrieben ausgewertet und an die amerikanische Wirtschaft weitergeleitet. Enorm vereinfacht und erleichtert wird dem US-Geheimdienst der Datenklau, weil die Telekom hochsensible Firmeninterna unverschlüsselt über die Richtfunkstrecken in den Äther schickt.

Ulrich Lissek (Telekom):
"Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Kunden. Der, der sensible Daten über dieNetze schickt, kennt das Risiko, oder ein mögliches Risiko. Und wir setzen uns dann mit dem Kunden inVerbindung und bieten ihm bestimmte Lösungen dort an."

Stefan Knottnerus-Meyer (Enercon GmbH):
"Wir sind bis heute nicht von der Telekom darüber informiert worden, daß diese Schwachstelle existiert. Wir sind bisher davon ausgegangen, daß die Telekom auch alle technischen Möglichkeiten ausschöpft, um den Kunden zu schützen. Ich kann hier nur die Empörung ausdrücken, nicht nur für uns, sondern wahrscheinlich auch für alle anderen Fernmeldeteilnehmer."

Von einem Informanten haben wir Zeichnungen von geheimen US-Spionagesatelliten erhalten. Letzter Start. Auftraggeber: Die US-Air-Force und der CIA. Die Zeichnungen belegen: Die riesigen Horchantennnen, die uns umkreisen, sind exakt auf die Frequenzen der Telekom-Richtfunkstrecken abgestimmt. Der Bundesnachrichtendienst weiß - so unser Informant - seit Jahren darüber Bescheid. Denn wenige 100 Meter neben den NSA-Abhöranlagen in Bad Aibling sitzt der BND in einer Kaserne, die als "Fernmeldeweitverkehrsstelle der Bundeswehr" getarnt ist,. Der BND darf einen kleinen Teil der Abhöreinrichtungen der Amerikaner mitbenutzen. Dafür muß er schweigen, wenn er erfährt, daß deutsche Betriebe ausspioniert werden.

Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes ist auch bekannt, daß die NSA firmeninterne Besprechungen abhören kann. Über ISDN-Telefonanlagen ins Telefonnetz eingedrungen ist der amerikanische Geheimdienst nach Aussagen unserer Informanten nicht nur bei Enercon, sondern auch bei Airbus, Hoechst, Siemens, und dem Softwarehersteller SAP, der u.a. Programme für die sichere Übertragung von sensiblen Daten produziert.

Erich Schmidt-Eenboom (Geheimdienstexperte):
"Es trifft zu, daß die Beamten und Offiziere des Bundesnachrichtendienstes schon aus der Nachbarschaft der Station in Bad Aibling sehr genau wissen, welche deutschen Firmen die Amerikaner unter die Lupe nehmen. Aber die deutschen Dienste sind viel zu abhängig von den Kapazitäten, von der Hilfestellung der amerikanischen Dienste insbesondere im Bereich der Satellitenaufklärung, aber auch bei der Agentenaufklärung in manchen Zielregionen dieser Erde, als daß man das gute Verhältnis zu den Amerikanern dadurch trüben könnte, daß man die deutsche Wirtschaft warnt. Auf der wirtschaftlichen und politischen Ebene bezahlen wir das mit dem Verlust von zehntausenden von Arbeitsplätzen."

Weil die deutschen Geheimdienste ihre Erkenntnisse für sich behalten, werden die Betriebe wohl auch in Zukunft nur von [plusminus erfahren, ob und von wem sie abgehört werden.

24. August, Kölner Innenstadt. Das ist nicht James Bond, sondern ein Verfassungsschutz-Informant - Deckname Seefelder - auf dem Weg zu einem konspirativen Treff mit seinem Führungsagenten Richarz vom Bundesamt für Verfassungsschutz. IM Seefelder, das bin in Wirklichkeit ich, der [plusminus-Mitarbeiter Jörg Heimbrecht.

Herr Richarz hatte mich angesprochen. Will an meine Informationsquellen über die US-Wirtschaftsspionage. Richarz bittet mich, mein Handy auszuschalten und den Akku abzumachen. Denn der US-Geheimdienst, sagt er, kann das Mobiltelefon in eine Abhörwanze verwandeln. Selbst dann, wenn das Gerät ausgeschaltet ist.

Er will, daß ich ihm meinen Informanten verrate, der mir Unterlagen über die Wirtschaftsspionage durch den US-Geheimdienst NSA zuspielt hat.

"Was hatten Sie sich da vorgestellt?" "Ich meine, es hilft uns natürlich, wenn Sie uns da Roß und Reiter nennen können. Das ist ja die Maximalvorstellung. Würden Sie da jemand führen oder nur so Informationen kriegen? Ist natürlich für uns die Frage: Wie kommen Sie an jemand von der NSA? Den hätten wir natürlich auch gerne."

Ich lasse mich zum Schein als Spitzel anwerben. Beim nächsten Treff soll ich ihm zunächst mal Kopien der Unterlagen verkaufen, die ich für meinen [plusminus-Beitrag verwendet habe. Für 14000 Mark. Cash in einem Briefumschlag.

Er weiß, daß das gegen den Moralkodex von Journalisten verstößt und hat Angst: Sie könnten ja eine schöne Sendung daraus machen. Dann würde bei uns das Telefon klingeln und uns die Informanten abspringen. Wir könnten dann anschließend 20 Agenten abschreiben. Aber dann glaubt er doch, daß ich dichthalte.

Telefonische Verabredung zum nächsten Treff. Damit der WDR durch undichte Stellen im Verfassungsschutz nichts über meine geplante IM-Spitzeltätigkeit erfährt, soll ich mich mit meinem Decknamen melden. Nur Herr Richarz und der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Frisch, kennen meine wahre Identität, sagt er.

Unser nächster Treff. Jetzt wird mein "Agentenführer" deutlicher: Offenbar will er meinen Informanten "abschalten" und verhindern, daß der sich weiter an die Medien wendet. Und die geschädigten Firmen sollen auch nicht erfahren, daß sie von US Geheimdiensten bespitzelt werden. Ich kann's kaum glauben und frage nach:

"Sie würden das, was ich von ihm kriege, auch in keinem Fall
weitergeben?" "Ne, ne, ne. Da haben wir überhaupt kein Interesse dran, das wär' gar keine Frage. Die Firmen würden uns ja fragen oder zu ihrem Anwalt laufen, dann müßten wir sagen, wir haben da was bekommen. Dann würden die Anwälte auf uns zugehen, dann ständen wir bedeppert da. Z.B. bei Enercon. Da haben
wir überhaupt kein Interesse."

Und er behauptet, was die Regierung immer betritten hat: Bundeskanzler Kohl persönlich habe die Weitergabe von solchen Informationen an die Wirtschaft untersagt. Mit Rüchsicht auf die deutsch-amerikanische Freundschaft.

Daß der Verfassungsschutz Journalisten als Spitzel anwirbt, erfährt nicht einmal die Parlamentarische Kontrollkommission des Bundestages, die eigentlich die deutschen Geheimdienste kontrollieren soll.

Manfred Such:
"Das erinnert mich fatal an ..."

8. September 1998