Prüfungsdebakel

Das alljährliche Prüfungsdebakel - die Analyse

Als offener Brief an die Verantwortlichen
Dem ersten Anschein nach herrscht im Mai 2001 nur helle Aufregung über eine geplatzte Prüfung, die rasch verflogen sein wird, wie es schon früher oft zu beobachten war. Aber dieser Fall ist aus einem anderen Grund interessant. Er offenbart die Schwachstellen eines jahrzehntealten Prüfungsverfahrens, das in die Jahre gekommen ist und unter den Bedingungen der Gegenwart nun bereits zum zweiten Mal versagt hat. Im allgemeinen Getöse zielt die geäußerte Kritik vielfach an den wahren Ursachen vorbei. An welchen Stellen es hapert, ist anscheinend vielen noch unklar, so dass dies im Folgenden näher herausanalysiert werden muss.

Parallelen zur Winterprüfung 2000
Auch bei dieser Prüfung tauchte am Vorabend ein Gedächtnisprotokoll auf. Die Präzision der Vorhersage, der Schreibstil, die Art der Veröffentlichung und die Tatsache, dass genauso wie jetzt die Inhalte der Prüfung FI-Systemintegration genannt wurden, legen den Verdacht nahe, dass es sich um ein und dieselbe Quelle handelt. Damals flog der Betrug erst im Nachhinein auf, zu spät, um die Prüfung noch absagen zu können.

Erste Frage an Herrn Bähre vom ZPA
Herr Bähre, Sie haben sich im Winter 2000 dahingehend geäussert, dass Art und Umfang der genannten Themen keine Neuaufnahme des Prüfungsverfahrens gerechtfertigt hätten. Im Fall Mai 2001 befürworten Sie unter den gleichen Voraussetzungen die Absage der schriftlichen Prüfung. Sie erwecken damit den Eindruck, dass Ihr Urteil sich nicht nach objektiven Maßstäben richtet, sondern Sie danach entscheiden, was Ihnen in der jeweiligen Situation als juristisch oder politisch opportun erscheint. (Ein nachträglicher Widerruf einer Prüfung wirft die rechtliche Frage des Vertrauensschutzes auf.) Wie ist dieser erstaunliche Meinungswandel zu
erklären?

Zweite Frage (nicht nur) an Herrn Bähre
In Ihrem Rundschreiben deuteten Sie an, dass Sie die undichte Stelle im Bereich der ehrenamtlichen Mitarbeiter vermuten. Meine Erfahrungen bestätigen dies. Am Abend der Winterprüfung 2000 erreichte mich der Anruf einer Bekannten, die im Rahmen einer Umschulung die schriftliche Prüfung unter haarsträubenden Bedingungen abgelegt hatte. Die Aufsichtführenden waren nach ihrer Schilderung Dozenten des Umschulungsträgers, die Hilfestellungen jeder Art leisteten und darauf drängten, die Prüfinge sollten nur irgendetwas zu jeder Aufgabe zu Papier bringen, das dann so lange korrigiert werden würde, bis jeder Teilnehmer bestanden habe. Im Vorfeld waren die Prüflinge bereits mit den Themen geimpft worden. Wie es zu so etwas kommt, ist nicht schwer zu erraten. Wenn man die nächste Umschulungsmassnahme vom Arbeitsamt finanziert bekommen möchte, tut man gut daran, einen möglichst hohen Output an Facharbeitern zu erzeugen, gleich mit welchen Mitteln. Eine stinkende Einfilzung materieller Interessen in die Prüfungsobjektivität von Dozenten, die in Personalunion als Prüfer fungieren.
Die Frau, die sich bei mir beschwerte, war in höchstem Masse erregt, weil sie sich um die Chance, in einer fairen Prüfung ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen zu können, betrogen sah. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass es derartigen Prüfungsbetrug seit Jahrzehnten gegeben haben muss. Das Pikante daran ist, dass dies erst jetzt durch eine Gruppe, die mit Medien wie dem Internet umzugehen weiss, offenkundig geworden ist. Deshalb die Frage: Was gedenkt man, von Seiten der IHKs und des ZPAs hiergegen zu unternehmen?

Zum Vorwurf der berufsfremden Prüfungssinhalte
Immer wieder wird beklagt, bestimmte Prüfungsaufgaben hätten nichts mit der Berufspraxis zu tun. Um dies zum wiederholten Male festzuhalten: Dies ist nicht wahr. Die bisherigen Prüfungsaufgaben finden sich zur Gänze in den Inhaltsbeschreibungen der berufsdefinierenden rechtlichen Bestimmungen wieder. Niemand hat ein Anrecht darauf, dass eine Prüfung entsprechend der Eigenarten seines Betriebes gestellt wird, ganz abgesehen davon, dass dies wegen der Heterogenität der Branche gar nicht möglich wäre. Auch hier liegt das Problem woanders: Es liegt m. E. in dem hilflosen Versuch begründet, mit handlungsorientierten Situationsbeschreibungen eine schriftliche Prüfung durchführen zu wollen. Dabei handelt es sich um eine pädagogisch verbrämte Fehlleistung karrieresüchtiger Funktionäre, die ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen mit gleichermaßen fragwürdigen wie selbstverliebten Ideen auf sich aufmerksam machen wollen. In einer schriftlichen Prüfung wird man niemals ermitteln können, welche Fähigkeiten ein Mensch bei der Bewältigung realer, ganzheitlicher, betrieblicher Herausforderungen besitzt, denn das ist eine in beinahe jeder Hinsicht andere Handlungssituation, die sich in einem Prüfungsraum nicht simulieren lässt. Es war von Anfang an ein Etikettenschwindel und wird es immer bleiben. Obendrein ist der Versuch höchst überflüssig. Praktisch-ganzheitliche Fähigkeiten fliessen im Projektteil bereits zur Genüge in die Prüfungsnote ein. Man sollte sich in der schriftlichen Prüfung auf die Abfrage von theoretischem Fachwissen, Denk- und Kombinationsvermögen, Beherrschung fachgerechter Darstellungsarten, Programmiersprachen, Fachrechnen usw. konzentrieren, und zwar auf eine möglichst weitgehende, objektivierbare Art und Weise, d. h. in guten, alten, überschaubaren und trainierbaren Schulaufgaben. Übrigens bestehen auch Diplomprüfungen an wisschenschaftlichen Hochschulen aus genau diesem Aufgabentyp, wenn auch auf höherem Niveau.

Der U-Form-Skandal (dritte Frage an Herrn Bähre)
Zur Prüfungsvorbereitung benötigt man alte Prüfungsaufgaben und eine Inhaltsliste dessen, was man zu lernen hat. Der ZPA hat eine solche dankenswerterweise veröffentlicht. Aber auch welche Weise? Da wird das Verwertungsrecht an einen Verlag abgetreten, der damit munter Kasse macht (was ihm nicht vorzuwerfen ist, da hierin eben sein legitimer Geschäftszweck besteht). Viele gehen davon aus, dass ein Teil dieser Gelder dem ZPA als Halter des Urheberrechtes zugeflossen sein dürfte; und die Preise grenzen an Wucher.
Heutzutage ist man nicht mehr auf Veröffentlichung durch Verlage angewiesen, erst recht nicht, wenn man IT-Berufler informieren möchte. Das Land NRW macht es vor: Planstellen werden nicht mehr im Amtsblatt veröffentlicht, sondern auf den Homepages der Bezirksregierungen. Wie steht es also mit einem Rechenschaftsbericht über die eingenommenen Gelder? Liegt möglicherweise sogar Vorteilnahme im Amt vor? Wird dieser Missstand künftig aufrechterhalten?

Das Szenario am 18.5.2001 (Frage an den DIHT und die Legislative)
Hannover hat komplett schreiben lassen und erkennt an. Bayern hat unter Vorbehalt schreiben lassen; die lokalen IHKs entscheiden hier über Anerkennung oder Wiederholung. Der Rest hat teilweise schreiben lassen und erkennt teilweise an. - Welch ein Hühnerhaufen! Man fühlt sich in die deutsche Kleinstaaterei der vornapoleonischen Epoche erinnert. Das alles ausgelöst durch eine einzige undichte Stelle. Offenbar glaubte man, ein bundeseinheitliches Prüfungsverfahren durchführen zu können unter Mitwirkung lokaler Entscheidungsträger in massgeblichen Organisationsfragen. Spätestens jetzt ist klar, um was es sich dabei handelt: einen logistischen Hirnfurz. Da auch in Zukunft die Widrigkeiten sich nicht abschaffen lassen werden, diese Fragen: Wann endlich wird das Prüfungsverfahren auf ein tragfähiges rechtliches Fundament gestellt? Und warum lässt man es zu, dass seit zig Jahren jeder Versuch einer Besserung in dieser Problematik von Lobbyisten abgewimmelt wird? (Erst neulich ist wieder eine diesbezügliche Gesetzesinitative niedergeschlagen worden.)

Die Situation der Auszubildenden
Zwiegespalten ist sie. Ein Teil möchte seine geschriebenen Prüfungen anerkannt wissen und setzt sich damit dem Verdacht aus, Vorteile aus dem Prüfungsbetrug geschlagen zu haben. Eine andere Gruppe begrüsst die Wiederholung der Prüfung in der Hoffnung, weiteren Schaden für ihr Berufsethos dadurch abgewendet zu wissen. Einige Zeitungen stellten die ITler bereits jetzt als "Prüfungsmogler" hin. Das haben sie nicht verdient!

Der Klageweg - eine Sackgasse
Natürlich kursiert das unvermeidiche Ansinnen, den Rechtsweg zu beschreiten und auf Gleichbehandlung zu klagen. Wahrscheinlich ist, dass ein angerufenes Verwaltungsgericht lediglich die Prüfungshoheit der regionalen IHKs (oder sogar Prüfungsausschüsse) bestätigen würde und jede Klage niederschlüge, die nicht mit der Ungleichbehandlung innerhalb des Verantwortungsbereiches einer einzelnen IHK begründbar ist. Was bliebe dem Gericht bei der bestehenden Rechtslage auch anderes übrig? Wir haben es hier mit einem System zu tun, das an strukturellem Versagen erkrankt ist und sich paranoid jeder Therapie mit allen Kräften widersetzt. Die Rechtmäßigkeit wird gewiss leicht zu konstatieren sein, wie auch immer eine IHK entschieden hat, der Gerechtigkeitsanspruch der Prüfung aber ist längst verspielt und wird so leicht nicht wiederzugewinnen sein.

gez. Uli Lüthen
Moderator der Prüfungsforen www.fachinformatiker.de, Informationselektroniker, Prüfer, Elektroingenieur, Lehrer und Beamter der Bundeslandes Nordrhein-Westfalen

Nachtrag
Das war sie, die Analyse aus meiner Sicht. Lest sie, hasst sie, werft mit Dart-Pfeilen drauf, oder schickt eine Kopie unterschrieben an Medien, Abgeordnete, Ministerien, Gewerkschaften, Eure IHK oder den ZPA.
Aber ein Eindruck bleibt in der Öffentlichkeit zurück, nämlich dass es dieser Generation an Gemeinsinn fehlt. "Common Sense" nennt man dies in angloamerikanischen Ländern, die nur allzu gern als leuchtende Beispiele herbeizitiert werden. Die mediale Infrastruktur steht jedem zur Verfügung, Internet, Foren, Websites, doch die Mehrheit sitzt nur trübsinnig vor dem PC und beklagt die ungerechte Welt, sorgt sich um den eigenen Vorteil, ignoriert die ausschlaggebenden Ursachen und begreift die gesellschaftlich-strukturellen und institutionellen Zusammenhänge nicht.
Man setzt eine Flame ins Forum, beschimpft darin "die IHK" (ja, die meisten haben nicht einmal begriffen, dass es "die IHK" gar nicht gibt), den Moderator, die Berufsschule und den FC-Bayern-München. Damit meint man dann, das Seine zur Problematik bei-
getragen zu haben und wendet sich wieder seinen Zerstreuungen oder der Arbeit zu. Finsterstes Biedermeier.
Besonders ausgefallene Exemplare quittieren jeden Eingriff von Moderatorenseite, die sich wirklich nur auf sehr gravierende Verstösse gegen Gesetze oder Benimmregeln erstrecken, mit dem ach so geistreichen Hinweis auf Meinungsfreiheit und Zensur, haben aber nicht einmal den Mumm, mit ihrem bürgerlichen Namen zu dem zu stehen, was sie da verzapfen. Die Nachdenklichen, Vernünftigen, Kritischen, Kreativen, die wirklich etwas zu sagen haben - ja, auch die gibt es - aber allzu oft werden sie vom Pöbel verprellt und niedergeschrien. So und nicht anders sieht das Außenbild auf einem Forum des Jahres 2001 aus. Wohlbemerkt, ein Bild, auf das eine ganze Branche blickt.

Disclaimer:
Die letzten Abschnitte beschreiben nur das Wirken einiger weniger. Niemand, der anders handelt, braucht sich davon angesprochen zu fühlen. Und erzählt bitte, bitte nicht, ihr hättet die Themenvorschläge nicht gesehen. Natürlich habt ihr. Hättet ihr das nämlich nicht, so würdet ihr damit nur Eure Eignung für einen Beruf, in dem die Fähigkeit zum Erschließen wichtiger Informationsquellen über Erfolg oder Pleite entscheidet, in Zweifel ziehen. So gesehen hätte man die Prüfung eigentlich auch bundesweit werten können.

18. Mai 2001